Faktencheck 5 Mythen zu Stromnetzen

Warum Hochspannungsleitungen besser sind als ihr Ruf 
Lesezeit7 Min.
zuletzt aktualisiert10.06.2026
KategorieNetzinfrastruktur
Zwei Arbeiter in Schutzkleidung reparieren Stromleitungen auf einem Hochspannungsmast vor blauem Himmel.

Stromnetze sind die Lebensadern der Energiewende. Ohne sie kann der Windstrom aus dem Norden nicht in die Industriezentren im Süden gelangen. Bis 2045 müssen in Deutschland rund 651 Milliarden Euro in den Aus- und Umbau der Stromnetzinfrastruktur investiert werden.1 Doch der Ausbau der Übertragungsnetze stößt oft auf Skepsis: Gesundheitsrisiken, Wertverlust von Immobilien, fehlende Notwendigkeit. klimaVest hat 2025 als erster offener Privatanlegerfonds in den Übertragungsnetzbetreiber Amprion investiert und damit den Zugang zu dieser kritischen Infrastruktur ermöglicht. Grund genug, die häufigsten Vorurteile einem Faktencheck zu unterziehen. 

Mythos 1: Hochspannungsleitungen gefährden die Gesundheit 

Elektromagnetische Felder von Hochspannungsleitungen gehören zu den am häufigsten geäußerten Sorgen von Anwohnerinnen und Anwohnern. Die Befürchtung: Krebs, Alzheimer oder andere Erkrankungen durch die unsichtbare Strahlung. Doch was sagen die Fakten?

In Deutschland schützt die 26. Bundesimmissionsschutzverordnung (26. BImSchV) die Bevölkerung mit klaren Grenzwerten. Diese orientieren sich an internationalen Empfehlungen und wurden so festgelegt, dass sie vor allen wissenschaftlich nachgewiesenen gesundheitlichen Risiken schützen.2 Die Grenzwerte basieren auf bekannten Wirkungsschwellen: Erst oberhalb dieser Schwellen können elektrische und magnetische Felder Nerven- und Muskelzellen reizen.2

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und die Strahlenschutzkommission prüfen laufend den aktuellen Stand der Forschung.2 Nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand werden auch Tiere und Pflanzen nicht durch die Felder von Hochspannungsleitungen geschädigt.2

Wichtig zu wissen: Die Feldstärke nimmt mit zunehmendem Abstand zur Leitung sehr schnell ab.3 Zudem tragen im Alltag meist Elektroinstallationen und Geräte im Haushalt deutlich stärker zur persönlichen Belastung durch niederfrequente Felder bei als Hochspannungsleitungen in der Umgebung.4

Das BfS empfiehlt dennoch Vorsorgemaßnahmen: Neue Stromtrassen sollten so geplant werden, dass sie nicht zu einer zusätzlichen Belastung der Bevölkerung führen.4 Seit 2013 gilt für neue Höchstspannungsfreileitungen ab 220 Kilovolt ein Überspannungsverbot, sie dürfen nicht über Wohngebäude hinwegführen.5


Mythos 2: Stromnetze sind marode und veraltet 

Deutschland verfügt tatsächlich über eines der zuverlässigsten Stromnetze weltweit. Das belegt der sogenannte SAIDI-Wert (System Average Interruption Duration Index), der die durchschnittliche Stromausfallzeit pro Jahr und Kunde misst.

Im Jahr 2024 lag der SAIDI-Wert bei nur 12,9 Minuten. Das bedeutet, dass jeder Haushalt zu rund 99,998 Prozent mit Strom versorgt war.6 Zum Vergleich: 2006 betrug dieser Wert noch 21,5 Minuten.7 Im europäischen Vergleich nimmt Deutschland damit einen Spitzenplatz ein.6

Die hohe Zuverlässigkeit zeigt sich auch bei der Anzahl kurzschlussartiger Fehler, die besonders für Industrie- und Gewerbekunden mit empfindlichen Anlagen relevant sind: Mit 1,76 Fehlern pro 100 Kilometer Leitungslänge in der Mittelspannung liegt der Wert 2024 im normalen Schwankungsbereich.6

Dass Deutschland trotz des massiven Ausbaus erneuerbarer Energien eine so hohe Versorgungssicherheit aufrechterhält, widerlegt den Mythos veralteter Infrastruktur. Die Bundesnetzagentur bestätigt: „Die Stromversorgung in Deutschland zählt auch im Jahr 2024 zu einer der zuverlässigsten in Europa und weltweit."6

Dennoch: Die Energiewende erfordert massive Investitionen in die Modernisierung und den Ausbau der Netze. Nicht weil die Netze marode sind, sondern weil sie für die neuen Anforderungen fit gemacht werden müssen.

In Netze investieren

klimaVest ermöglicht Privatanleger:innen in Deutschlands Stromnetze zu investieren

Mit der Beteiligung am Übertragungsnetzbetreiber Amprion erschließt klimaVest eine neue Assetklasse: Netzinfrastruktur. Erfahren Sie mehr über diese strategische Investition in die Energiewende. 

Ein Arbeiter in blauer Schutzkleidung klettert an einem Strommast bei klarem Himmel.

Mythos 3: Wir brauchen keine neuen Netze – nur mehr erneuerbare Energien 

Dieser Mythos übersieht eine zentrale Herausforderung der Energiewende: Erneuerbare Energien werden dort erzeugt, wo Wind weht und Sonne scheint. Der Strom wird aber dort gebraucht, wo Industrie und Bevölkerung ihn benötigen. Ohne leistungsfähige Netze scheitert die Energiewende.

Windenergie wird hauptsächlich im Norden und Osten Deutschlands produziert, während der größte Bedarf in den Industrieregionen im Süden und Westen liegt. Schon heute zeigt sich das Problem: Die Kosten für den Umgang mit Netzengpässen sind zwischen 2019 und 2023 von 1,3 auf über drei Milliarden Euro gestiegen.1

Eine aktuelle Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung beziffert den Investitionsbedarf bis 2045 auf insgesamt 651 Milliarden Euro.1 Davon entfallen 328 Milliarden Euro auf die Übertragungsnetze (Höchstspannungsebene) und 323 Milliarden Euro auf die Verteilnetze.1

Um die Klimaziele zu erreichen, müssten die jährlichen Investitionen von derzeit 15 Milliarden Euro (Stand 2023) auf rund 34 Milliarden Euro mehr als verdoppelt werden – eine Steigerung um 127 Prozent.1 Die Studie kommt zu dem Schluss: „Die Dekarbonisierung der deutschen Wirtschaft erfordert bis 2045 einen massiven Aus- und Umbau der Stromnetzinfrastruktur, um unter anderem die Elektrifizierung von Verkehr, Industrie und Gebäuden zu bewältigen."1

Ohne Netzausbau bleibt grüner Strom dort, wo er erzeugt wird – und kann die Kohlekraftwerke im Süden nicht ersetzen. 


Mythos 4: Erdkabel sind die bessere und gesundheitlich unbedenkliche Alternative 

Erdkabel gelten in der öffentlichen Wahrnehmung oft als ideale Lösung: unsichtbar, geräuschlos und vermeintlich frei von elektromagnetischen Feldern. Doch die Realität ist differenzierter.

Auch Erdkabel erzeugen elektrische und magnetische Felder. Während elektrische Felder durch die Erde weitgehend abgeschirmt werden, dringen magnetische Felder nahezu ungehindert durch den Boden.8 Das Bundesamt für Strahlenschutz hat die Feldstärken gemessen: Direkt über einem 380-Kilovolt-Erdkabel wurden in einem Meter Höhe über dem Erdboden 3,5 Mikrotesla gemessen. Unter einer vergleichbaren Freileitung waren es 4,8 Mikrotesla.8

Der Vorteil von Erdkabeln: Die Magnetfelder nehmen mit zunehmendem Abstand deutlich schneller ab als bei Freileitungen.8 Der Grenzwert von 100 Mikrotesla wird in beiden Fällen eingehalten.8

Allerdings haben Erdkabel auch Nachteile: Sie sind deutlich teurer in der Herstellung und Wartung. Reparaturen sind aufwendiger und zeitintensiver als bei Freileitungen. Zudem benötigen sie Kabelgräben, was je nach Bodenbeschaffenheit zu erheblichen Eingriffen in Natur und Landschaft führen kann.

Die 26. BImSchV sieht seit 2013 vor, dass neue Höchstspannungsleitungen nicht über Wohngebäude führen dürfen – unabhängig davon, ob es sich um Frei- oder Erdleitungen handelt.5 Beide Varianten haben ihre Berechtigung, abhängig von den örtlichen Gegebenheiten. 


Mythos 5: Immobilien nahe Hochspannungsleitungen werden wertlos 

Die Sorge um den Wertverlust von Immobilien in der Nähe von Hochspannungsleitungen ist verständlich. Doch pauschale Aussagen greifen zu kurz – die Realität ist komplexer.

Entscheidend sind mehrere Faktoren: der tatsächliche Abstand zur Leitung, die Sichtbarkeit vom Grundstück aus, die allgemeine Marktlage und die Transparenz im Verkaufsprozess. Ein vom Deutschen Bundestag in Auftrag gegebener Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes zeigt: Während einzelne Studien auf Wertminderungen hinweisen, lassen sich keine pauschalen, wissenschaftlich gesicherten Aussagen über systematische Wertverluste treffen.9

Wichtig für Eigentümerinnen und Eigentümer: Die gesetzlichen Grenzwerte müssen an allen Orten des dauerhaften Aufenthalts eingehalten werden.3 Bei Einhaltung dieser Grenzwerte ist nach wissenschaftlichem Kenntnisstand nicht von Gesundheitsrisiken auszugehen. Ein Argument, das sachkundige Käufer überzeugen kann.

Das Bundesamt für Strahlenschutz empfiehlt Vorsorgemaßnahmen bereits bei der Planung: Neue Trassen sollten möglichst nicht durch Wohngebiete geführt werden, und mit zunehmendem Abstand wird der Einfluss auf die Gesamtbelastung durch elektromagnetische Felder immer geringer.4

Eine baubiologische Faustregel lautet: Ein Meter Abstand je Kilovolt Spannung. Für eine 380-Kilovolt-Leitung wären das 380 Meter.9 Zwar ist dies keine gesetzliche Vorgabe, aber ein Orientierungswert für die Planung.

1Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung / Universität Mannheim: „Ausbau der Stromnetze: Investitionsbedarfe", IMK Study 97, Dezember 2024, https://www.imk-boeckler.de/de/pressemitteilungen-15992-studie-berechnet-investitionsbedarf-in-deutsche-stromnetze-65371.htm

2Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV): „Haben Hochspannungsleitungen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt?", https://www.bundesumweltministerium.de/faq/haben-hochspannungsleitungen-auswirkungen-auf-mensch-und-umwelt

3Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): „Hochspannungsleitungen: Abstand zu Wohngebäuden", https://www.bfs.de/DE/themen/emf/netzausbau/schutz/abstand/abstand_node.html

4Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): „Vorsorge gegen Belastungen durch statische und niederfrequente Felder", https://www.bfs.de/DE/themen/emf/netzausbau/schutz/vorsorge/vorsorge_node.html

5Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): „Schutz vor elektromagnetischen Feldern beim Netzausbau", https://www.bfs.de/DE/themen/emf/netzausbau/schutz/schutz_node.html

6VDE FNN: „Versorgungszuverlässigkeit – die VDE FNN Störungs- und Verfügbarkeitsstatistik 2024", https://www.vde.com/fnn-stoerungsstatistik

7Bundesnetzagentur: „Auswertung Versorgungsunterbrechungen Strom – bundesweite Kennzahlenentwicklung seit 2006", https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/Versorgungsunterbrechungen/Auswertung_Strom/start.html

8Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): „Feldbelastung durch Hochspannungsleitungen", https://www.bfs.de/DE/themen/emf/netzausbau/basiswissen/feldbelastungen/feldbelastungen_node.html

9Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste: „Hochspannungsleitungen und mögliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit", WD 8 - 3000 - 011/19, März 2019, https://www.bundestag.de/resource/blob/645096/c353de5ae1027694bd262799c00cf223/WD-8-011-19-pdf-data.pdf