Stromnetze sind die Lebensadern der Energiewende. Ohne sie kann der Windstrom aus dem Norden nicht in die Industriezentren im Süden gelangen. Bis 2045 müssen in Deutschland rund 651 Milliarden Euro in den Aus- und Umbau der Stromnetzinfrastruktur investiert werden.1 Doch der Ausbau der Übertragungsnetze stößt oft auf Skepsis: Gesundheitsrisiken, Wertverlust von Immobilien, fehlende Notwendigkeit. klimaVest hat 2025 als erster offener Privatanlegerfonds in den Übertragungsnetzbetreiber Amprion investiert und damit den Zugang zu dieser kritischen Infrastruktur ermöglicht. Grund genug, die häufigsten Vorurteile einem Faktencheck zu unterziehen.
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Mythos 1: Hochspannungsleitungen gefährden die Gesundheit
Elektromagnetische Felder von Hochspannungsleitungen gehören zu den am häufigsten geäußerten Sorgen von Anwohnerinnen und Anwohnern. Die Befürchtung: Krebs, Alzheimer oder andere Erkrankungen durch die unsichtbare Strahlung. Doch was sagen die Fakten?
In Deutschland schützt die 26. Bundesimmissionsschutzverordnung (26. BImSchV) die Bevölkerung mit klaren Grenzwerten. Diese orientieren sich an internationalen Empfehlungen und wurden so festgelegt, dass sie vor allen wissenschaftlich nachgewiesenen gesundheitlichen Risiken schützen.2 Die Grenzwerte basieren auf bekannten Wirkungsschwellen: Erst oberhalb dieser Schwellen können elektrische und magnetische Felder Nerven- und Muskelzellen reizen.2
Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und die Strahlenschutzkommission prüfen laufend den aktuellen Stand der Forschung.2 Nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand werden auch Tiere und Pflanzen nicht durch die Felder von Hochspannungsleitungen geschädigt.2
Wichtig zu wissen: Die Feldstärke nimmt mit zunehmendem Abstand zur Leitung sehr schnell ab.3 Zudem tragen im Alltag meist Elektroinstallationen und Geräte im Haushalt deutlich stärker zur persönlichen Belastung durch niederfrequente Felder bei als Hochspannungsleitungen in der Umgebung.4
Das BfS empfiehlt dennoch Vorsorgemaßnahmen: Neue Stromtrassen sollten so geplant werden, dass sie nicht zu einer zusätzlichen Belastung der Bevölkerung führen.4 Seit 2013 gilt für neue Höchstspannungsfreileitungen ab 220 Kilovolt ein Überspannungsverbot, sie dürfen nicht über Wohngebäude hinwegführen.5
Mythos 2: Stromnetze sind marode und veraltet
Deutschland verfügt tatsächlich über eines der zuverlässigsten Stromnetze weltweit. Das belegt der sogenannte SAIDI-Wert (System Average Interruption Duration Index), der die durchschnittliche Stromausfallzeit pro Jahr und Kunde misst.
Im Jahr 2024 lag der SAIDI-Wert bei nur 12,9 Minuten. Das bedeutet, dass jeder Haushalt zu rund 99,998 Prozent mit Strom versorgt war.6 Zum Vergleich: 2006 betrug dieser Wert noch 21,5 Minuten.7 Im europäischen Vergleich nimmt Deutschland damit einen Spitzenplatz ein.6
Die hohe Zuverlässigkeit zeigt sich auch bei der Anzahl kurzschlussartiger Fehler, die besonders für Industrie- und Gewerbekunden mit empfindlichen Anlagen relevant sind: Mit 1,76 Fehlern pro 100 Kilometer Leitungslänge in der Mittelspannung liegt der Wert 2024 im normalen Schwankungsbereich.6
Dass Deutschland trotz des massiven Ausbaus erneuerbarer Energien eine so hohe Versorgungssicherheit aufrechterhält, widerlegt den Mythos veralteter Infrastruktur. Die Bundesnetzagentur bestätigt: „Die Stromversorgung in Deutschland zählt auch im Jahr 2024 zu einer der zuverlässigsten in Europa und weltweit."6
Dennoch: Die Energiewende erfordert massive Investitionen in die Modernisierung und den Ausbau der Netze. Nicht weil die Netze marode sind, sondern weil sie für die neuen Anforderungen fit gemacht werden müssen.
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1Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung / Universität Mannheim: „Ausbau der Stromnetze: Investitionsbedarfe", IMK Study 97, Dezember 2024, https://www.imk-boeckler.de/de/pressemitteilungen-15992-studie-berechnet-investitionsbedarf-in-deutsche-stromnetze-65371.htm
2Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV): „Haben Hochspannungsleitungen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt?", https://www.bundesumweltministerium.de/faq/haben-hochspannungsleitungen-auswirkungen-auf-mensch-und-umwelt
3Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): „Hochspannungsleitungen: Abstand zu Wohngebäuden", https://www.bfs.de/DE/themen/emf/netzausbau/schutz/abstand/abstand_node.html
4Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): „Vorsorge gegen Belastungen durch statische und niederfrequente Felder", https://www.bfs.de/DE/themen/emf/netzausbau/schutz/vorsorge/vorsorge_node.html
5Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): „Schutz vor elektromagnetischen Feldern beim Netzausbau", https://www.bfs.de/DE/themen/emf/netzausbau/schutz/schutz_node.html
6VDE FNN: „Versorgungszuverlässigkeit – die VDE FNN Störungs- und Verfügbarkeitsstatistik 2024", https://www.vde.com/fnn-stoerungsstatistik
7Bundesnetzagentur: „Auswertung Versorgungsunterbrechungen Strom – bundesweite Kennzahlenentwicklung seit 2006", https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/Versorgungsunterbrechungen/Auswertung_Strom/start.html
8Bundesamt für Strahlenschutz (BfS): „Feldbelastung durch Hochspannungsleitungen", https://www.bfs.de/DE/themen/emf/netzausbau/basiswissen/feldbelastungen/feldbelastungen_node.html
9Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste: „Hochspannungsleitungen und mögliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit", WD 8 - 3000 - 011/19, März 2019, https://www.bundestag.de/resource/blob/645096/c353de5ae1027694bd262799c00cf223/WD-8-011-19-pdf-data.pdf