Die Energiewende in Deutschland steht vor einer paradoxen Herausforderung: Während der Bedarf an regenerativem Strom erheblich steigt, werden erstklassige Standorte für erneuerbare Energien zum knappen Gut. Doch die Lösung liegt oft nicht in der Erschließung neuer Flächen, sondern im Upgrade des Bestands. Repowering ist der Schlüssel, um das volle Potenzial von Wind- und Solarparks auszuschöpfen. Bernd Müller, Head of Infrastructure Asset Management bei der Commerz Real, ordnet die Chancen und Herausforderungen ein.
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Was steckt hinter Repowering?
Wachstum bei erneuerbaren Energien ist in Deutschland kein Selbstläufer. Das Problem: Die ertragreichsten Standorte sind längst besetzt und neue Flächen aufgrund langwieriger Genehmigungsverfahren oder lokaler Widerstände oft schwer zu erschließen. Repowering löst diesen Knoten. Anstatt mühsam nach neuen Arealen zu suchen, werden Standorte genutzt, die bereits akzeptiert und energetisch erstklassig sind.
Das Potenzial dieses technologischen Updates ist beachtlich und betrifft Windkraft und Solar gleichermaßen:
- Effizienzsprung: Eine moderne Onshore-Windanlage leistet heute im Schnitt 4,8 Megawatt – das Dreifache der Generation aus den frühen 2000er-Jahren. Parallel dazu können hocheffiziente neue Solarmodule oft eine Verdreifachung des Ertrags auf gleicher Fläche ermöglichen
- Generationswechsel: Viele Solarparks sind zwar noch vergleichsweise jung, doch die Windkraft an Land erreicht jetzt das Ende ihrer ersten Epoche. Anlagen, die nach 20 Jahren aus der staatlichen Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz fallen oder ihre technische Lebensdauer erreichen, werden durch das Repowering fit für den freien Markt
Bis 2037 erreichen Anlagen mit insgesamt über 54 Gigawatt Leistung ihr Laufzeitende, das entspricht mehr als einem Drittel der gesamten Kapazität von 2023. Das Jahr 2026 markiert damit den Startpunkt einer Modernisierungswelle, die den Bestand für das neue Energiezeitalter rüstet.
Onshore-Wind: Warum Repowering mehr ist als ein einfacher Gerätetausch
Was für Laien nach einem simplen Komponententausch klingt, ist in Wahrheit eine operative Meisterleistung. „Onshore-Repowering ist eine hochkomplexe Aufgabe“, betont Bernd Müller, Head of Infrastructure Asset Management bei der Commerz Real. Denn die neue Anlagengeneration hat die Dimensionen radikal verschoben: Nabenhöhen und Rotordurchmesser von bis zu 180 Metern sowie Rotorblätter über der 90-Meter-Marke stellen die Realisierung vor völlig neue Herausforderungen:
- Fundamente: Da die statischen Lasten dieser neuen Giganten signifikant gestiegen sind, ist ein kompletter Neubau der Fundamente unumgänglich
- Logistik: Die schiere Größe der Bauteile erfordert logistische Präzisionsarbeit für den Transport durch gewachsene Infrastrukturen
- Rechtliche Grundlagen: Moderne Anlagen benötigen oft andere Abstände und Flächenzuschnitte. Das führt dazu, dass Pachtverträge und Genehmigungen häufig komplett neu verhandelt werden müssen
Trotz dieser Hürden markiert das Jahr 2026 einen Wendepunkt. Ein entscheidender Hebel für die Wirtschaftlichkeit ist eine neue Regelung: Seit 2025 ist es rechtlich zulässig, Netzanschlusskapazitäten zu „überbauen“.
Das bedeutet, dass an einem bestehenden Netzanschluss mehr Erzeugungsleistung installiert werden darf, als die Leitung im Extremfall aufnehmen kann. Da Windparks ihre volle Leistung nur selten zeitgleich einspeisen, sind die Verluste durch gedeckelte Kapazitäten laut Einschätzung von Bernd Müller oft vernachlässigbar.
Um potenzielle Leistungsspitzen nicht ungenutzt zu lassen, rücken integrierte Batteriespeicher in den Fokus. Sie fangen überschüssige Energie auf, stabilisieren damit das Projekt und machen den Stromfluss planbar. Dieser technologische Sprung verändert auch die Anforderungen an die Finanzierung. Es entstehen neue Modelle, die Infrastruktur und Speichertechnologie als Einheit betrachten.
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Photovoltaik: Das neue Effizienz-Zeitalter durch Repowering
Obwohl Solarparks im Vergleich zu Windkraftanlagen meist jünger sind, ist auch hier das Zeitalter des Repowering bereits angebrochen. Durch die Nutzung bereits bestehender Netzanschlusspunkte lässt sich die Erzeugungsleistung bei deutlich reduzierten Investitionskosten steigern. Das technologische Potenzial am selben Standort wird dabei oft unterschätzt: Durch das Zusammenspiel hocheffizienter Modulgenerationen, einer optimierten Flächennutzung und intelligenter Systemarchitekturen lässt sich die Produktion oft mehr als verdreifachen.
Kreislaufwirtschaft: Rückbau als ökologische Chance
Neben der Leistungssteigerung rücken ökologische Aspekte in den Fokus. Kritische Stimmen thematisieren oft den Rückbau alter Anlagen – doch die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Repowering ist der Startpunkt einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft. Mit einer Recyclingquote von rund 90 Prozent ist der Großteil der Komponenten, insbesondere Beton und Stahl, bereits heute stofflich verwertbar. 1 Bei Photovoltaik-Anlagen sind es sogar 95 Prozent.2
Die Herausforderung bei den Windkraftanlagen liegt bei den Verbundwerkstoffen der Rotorblätter (Glas- und Kohlenstofffasern). Doch auch hier treiben Industrie und Forschung, etwa das Fraunhofer-Institut, Lösungen für ein hochwertiges Recycling stetig voran.3 Diese Erkenntnisse fließen unmittelbar in die Konstruktion der nächsten Anlagengeneration ein, die auf „Design for Recycling” setzt.
Ökologisch gesehen bietet Repowering klare Vorteile:
- Flächenschonung: Es ist keine neue infrastrukturelle Erschließung notwendig
- Artenschutz: Modernste Technologien zum Schutz von Vögeln und Fledermäusen können direkt in die neuen Windkraftanlagen integriert werden
Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) befürwortet diesen Weg ausdrücklich, um den Ausbau der Erneuerbaren so flächen- und naturverträglich wie möglich zu gestalten. 4
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1https://www.enbw.com/unternehmen/themen/windkraft/windrad-recycling.html
2https://www.enpal.de/photovoltaik/solarmodule-recycling
3https://www.wki.fraunhofer.de/de/presse-medien/2024/presseinfo_2024-17_biobasierte-und-recyclingfaehige-windkraftanlagen.html
4https://www.bfn.de/repowering