Stromnetze der ZukunftGlobal Grids: Wenn der Strom rund um den Globus fließt

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zuletzt aktualisiert25.06.2026
KategorieNetzinfrastruktur
Blick durch das Stahlgerüst eines Hochspannungsmastes auf einen weiteren Mast im Hintergrund vor bewölktem Himmel.

Weltweit warten über 3.000 Gigawatt an erneuerbaren Projekten auf einen Netzanschluss, weil Leitungen fehlen oder bestehende Netze nicht leistungsfähig genug sind.1 Das entspricht etwa dem Dreifachen dessen, was in der EU an gesamter Kraftwerksleistung vorhanden ist. Die regenerative Erzeugung ist also längst da. Was fehlt, sind die Leitungen, die den Strom dorthin bringen, wo er gebraucht wird.

Diese Herausforderung macht nicht an Landesgrenzen halt. In Deutschland beträgt der Anteil an erneuerbaren Energien an der inländischen Netzeinspeisung aktuell rund 60 Prozent.1 Den nächsten Schritt denken immer mehr Länder größer: über Staaten und sogar Kontinente hinweg. „Global Grids" heißt dieses Leitbild. Wir bei klimaVest beobachten die Entwicklung genau, denn sie betrifft das Rückgrat der Energiewende unmittelbar.

Was sind Global Grids?

Der Begriff beschreibt eine Idee, die mehrere Stufen umfasst. Am Anfang stehen die nationalen Übertragungsnetze, wie sie etwa das Unternehmen Amprion in Deutschland betreibt, an dem unser Fonds klimaVest eine indirekte Beteiligung hält. Darauf setzen grenzüberschreitende Verbindungen auf, sogenannte Interkonnektoren, die benachbarte Netze koppeln. Die weitreichendste Stufe sind kontinentübergreifende Verbünde, die Erzeugungsregionen und Verbrauchszentren über tausende Kilometer hinweg zusammenschließen.

Die internationale Vision dahinter trägt den Namen „Green Grids Initiative – One Sun, One World, One Grid“. Das Projekt wurde 2021 auf der Weltklimakonferenz in Glasgow von Indien und Großbritannien angestoßen.2 Der Leitgedanke: Die Sonne geht nie unter. Irgendwo auf der Erde scheint sie immer und irgendwo weht immer Wind. Wer diese Quellen über Zeitzonen hinweg verbindet, kann Strom dorthin leiten, wo gerade Dunkelheit oder Flaute herrscht. So weit die Theorie. Spannend wird es bei der Frage, was Global Grids konkret leisten und wo ihre Grenzen liegen.

Eine Panoramaaufnahme einer Stromtrasse aus zwei parallel verlaufenden Strommastreihen. Im Hintergrund der Himmel eingefärbt im Sonnenuntergang.

Volatilität ausgleichen, Distanzen überwinden

Wind und Sonne liefern nicht auf Knopfdruck passend zum Bedarf. Über einzelne Regionen betrachtet schwankt ihre Erzeugung mit Wetter, Tageszeit und Jahreszeit. Gefürchtet ist vor allem die sogenannte Dunkelflaute: jene Phasen, in denen weder die Sonne scheint noch der Wind weht, manchmal über Tage hinweg.

Genau hier setzen Global Grids als transnationale oder transkontinentale Stromnetze an. Ein geografisch breit gestreuter Mix aus verschiedenen Erzeugungsquellen gleicht unterschiedliche Temperaturbereiche, Wetterlagen und Zeitzonen gegeneinander aus.3 Was an einem Ort fehlt, ist an einem anderen möglicherweise im Überfluss vorhanden. Je größer der Verbund, desto stabiler die Versorgung.

Das Bild dahinter ist eingängig: Solarstrom aus der nordafrikanischen Wüste fließt über lange Seekabel dorthin, wo in Europa gerade Bedarf besteht. Sonnenreiche Erzeugung dort, wo sie günstig ist, Verbrauch dort, wo er anfällt. Ob solche Verbindungen über tausende Kilometer tatsächlich gelingen, hängt allerdings von mehr ab als von der Technik.

Versorgungssicherheit und geopolitische Unabhängigkeit

Ein zweites Argument für die Umsetzung von Global Grids wiegt seit einigen Jahren besonders schwer. Wer Strom mit Nachbarn teilt, macht sich unabhängiger von einzelnen Lieferanten und von fossilen Brennstoffmärkten.
Europas eng verknüpftes Stromsystem hat das mehrfach bewiesen. Als 2022 zahlreiche französische Kernkraftwerke gleichzeitig gewartet werden mussten, konnte Frankreich Strom aus Spanien und Großbritannien importieren. Und als die Ukraine im selben Jahr binnen Stunden ihre Synchronisierung mit dem kontinentaleuropäischen Stromnetz notfallmäßig vorzog, half der Verbund, durch den Krieg bedingte Stromausfälle abzufedern.3

Ein eindrückliches Beispiel aus dem vergangenen Jahr lieferte das Baltikum. Im Februar 2025 koppelten sich Estland, Lettland und Litauen vom postsowjetischen BRELL-Stromring ab, der unter anderem von Moskau aus gesteuert wurde, und synchronisierten sich ebenfalls mit dem kontinentaleuropäischen Netz.4 Hinter dem Schritt standen 15 Jahre Vorbereitung und ein eindeutiges Motiv: Energieversorgung sollte nicht länger als politisches Druckmittel taugen.
 

Stromnetze bei Sonnenaufgang

Wirtschaftlichkeit und Kostensenkung

Auch ökonomisch spricht vieles für den Verbund. Wenn günstiger Strom aus einer Region in eine teurere fließt, profitieren beide Seiten, und insgesamt sinken die Kosten.3 Wie groß der Hebel ist, zeigt eine Rechnung des europäischen Übertragungsnetzverbunds ENTSO-E: Investitionen von rund sechs Milliarden Euro jährlich in grenzüberschreitende Kapazitäten könnten der EU einen volkswirtschaftlichen Gewinn von etwa neun Milliarden Euro pro Jahr bringen.4

Das Erstaunliche: Dieses Potenzial ist bislang kaum gehoben. Weltweit werden bis heute weniger als drei Prozent des erzeugten Stroms über Grenzen hinweg gehandelt, 2023 im Wert von rund 132 Milliarden US-Dollar.5 Viele Regionen importieren weiterhin fossile Brennstoffe, während erneuerbare Erzeugung andernorts gedrosselt wird, weil das Netz sie nicht aufnehmen kann. Hier liegt ein erheblicher und bisher ungenutzter Spielraum.

Die Hindernisse jenseits technischer Machbarkeit

So überzeugend die Logik ist – einfach ist der Weg nicht. Interkonnektoren sind teuer und langwierig. Planung, Genehmigung und Bau ziehen sich oft über viele Jahre, die Anfangsinvestitionen sind hoch. Hinzu kommt der Abstimmungsbedarf: Netzbetreiber, Regulierungsbehörden und Regierungen mehrerer Länder müssen technische Standards und Marktregeln harmonisieren. Und nicht jede Region profitiert gleichermaßen. Nähern sich in einem günstigen Markt die Preise an die eines teureren an, kann Strom für Verbraucher:innen vor Ort teurer werden, selbst wenn das Gesamtsystem günstiger wird.3

Dass solche Projekte stocken können, zeigt der bekannteste Versuch dieser Art: Xlinks, das marokkanische Wüstenstromkabel nach Großbritannien. Mitte 2025 versagte die britische Regierung dem Vorhaben die Unterstützung und verwies auf hohe Risiken und günstigere heimische Alternativen. Der Entwickler richtet das Konzept seither auf andere europäische Abnehmer wie Deutschland neu aus.6 Die Lehre daraus: Ohne politischen Rückhalt, tragfähige Finanzierung und gesicherte Abnehmer bleibt selbst die technisch beste Idee zunächst Theorie.

Schließlich macht Vernetzung auch verwundbar. Die Beschädigung der Verbindung Estlink 2 in der Ostsee an Weihnachten 2024 hat gezeigt, dass kritische Infrastruktur zum Ziel hybrider Bedrohungen werden kann.7 Resilienz entsteht also nicht durch Leitungen allein, sondern auch durch deren Schutz.


Politischer Rückenwind nimmt zu

Trotz dieser Hürden weist der Trend bei Global Grids nach vorn. Auf der Weltklimakonferenz COP30 in Belém legten Deutschland und Partner aus Europa, Lateinamerika, Afrika und Asien Ende 2025 ein gemeinsames Netzpaket vor, das den weltweiten Ausbau von Stromnetzen und Speichern beschleunigen soll.1 Es bekräftigt die Ziele, die bereits ein Jahr zuvor auf der COP29 in Baku gesetzt worden waren: Bis 2030 sollen weltweit 25 Millionen Kilometer Stromleitungen neu gebaut oder ertüchtigt und 1.500 Gigawatt Speicherkapazität geschaffen werden.8

Die Internationale Energieagentur stützt dieses Vorhaben mit Zahlen. Die globalen Netzinvestitionen liegen bei rund 400 Milliarden US-Dollar im Jahr und müssten bis 2030 um etwa die Hälfte steigen, um mit dem Strombedarf Schritt zu halten.9 Gleichzeitig stecken weltweit über 3.000 Gigawatt an Projekten in Anschlusswarteschlangen fest.3 Kurz gesagt: Netze sind der Engpass, an dem sich die Energiewende entscheidet.
 

Wo setzen wir bei klimaVest an?

Für uns ist diese Entwicklung mehr als eine Beobachtung am Horizont. Mit unserem klimaVest ELTIF verfolgen wir einen breit diversifizierten Ansatz und haben das Thema Netzinfrastruktur bereits in unser Portfolio geholt.

Den Anfang machte unsere indirekte Beteiligung am Übertragungsnetzbetreiber Amprion, mit der wir als erster offener Infrastrukturfonds auf ELTIF-Basis privaten Anleger:innen Zugang zu einer Assetklasse eröffnet haben, die bislang institutionellen Investoren vorbehalten war. Amprion betreibt nicht nur eines der längsten deutschen Übertragungsnetze, sondern unterhält auch Verbindungen in die Niederlande, nach Luxemburg, Frankreich, Österreich und in die Schweiz. 

Diesen Kurs verfolgen wir weiter. Wie wir bereits in unserem Forecast 2026 dargelegt haben, verzahnen wir gezielt erneuerbare Energien und die Infrastruktur, die sie nutzbar macht. Denn der beste Wind- oder Solarpark kann sein volles wirtschaftliches und ökologisches Potenzial nicht entfalten, wenn der Strom nicht ankommt.

Global Grids sind heute zu großen Teilen noch Zukunftsmusik, und die Hürden sind real. Aber die Richtung steht fest: Die Energiewende wird über Grenzen hinweg gedacht. Wir wollen diesen Weg mitgestalten, gemeinsam mit unseren Anleger:innen.
 

1Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN): Deutschland und Mitstreiter legen Plan für beschleunigten weltweiten Ausbau von Stromnetzen vor, Pressemitteilung Nr. 113/25, 18.11.2025.

2Climate Parliament / Green Grids Initiative, Official Declaration (2021)

3World Resources Institute (WRI): Sharing Electricity Across Borders Could Bolster Energy Security, 25.02.2025.

4Danish Institute for International Studies (DIIS): Baltic States’ synchronization with the continental grid. Policy Brief, Kopenhagen 2025.

5World Meteorological Organization (WMO) / World Trade Organization (WTO): Supporting the Renewable Electricity Transition through Trade, November 2024

6Morocco World News: „German Government Backs 4,800km Sila Atlantik Cable Project with Morocco“, Februar 2026.

7CNN World: „Finland Boards Oil Tanker Suspected of Causing Internet, Power Cable Outages“, 26. Dezember 2024

8Global Energy Storage and Grids Pledge, (COP29-Präsidentschaft, Baku, November 2024), dokumentiert über die Global Renewables Alliance

9Internationale Energieagentur (IEA): Electricity 2026 (Grids)